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Kommentar zur Pflegeversicherung: Im Schatten der GKV-Reform
Während sich Öffentlichkeit und Politik an der GKV-Reform abarbeiten, läuft die Pflegeversicherung nahezu unbeachtet in eine finanzielle und strukturelle Schieflage. Ein Kommentar dazu von Nicole Wortmann, Leiterin des Bereichs Gesundheitsmarkt bei der apoBank.
Die Pflegeversicherung ist inzwischen selbst auf Hilfe angewiesen: Im vergangenen Jahr hat sie zwar formal eine schwarze Null erreicht, allerdings nur dank eines Bundesdarlehens von 500 Millionen Euro. Für dieses Jahr rechnet der Spitzenverband der Pflegekassen zwar mit einem Überschuss von rund 400 Millionen Euro, allerdings nur dank eines weiteren Darlehens in Höhe von 3,2 Milliarden Euro. Für 2027 wird inzwischen ein Fehlbetrag von knapp fünf Milliarden Euro prognostiziert.
Dabei hält noch die familiäre Pflege das System notdürftig zusammen. Rund 55 Prozent der Pflegebedürftigen werden von Angehörigen versorgt. Doch diese tragende Säule bröckelt – unter dem Druck des demografischen Wandels und wachsender Überforderung. Parallel stagnieren öffentliche Investitionen. Neue Pflegeplätze entstehen fast ausschließlich durch private Investoren. Ohne sie gäbe es vielerorts gar keine Angebote – doch wirtschaftlich kalkulierte Pflege ist zwangsläufig teurer.
Das Ergebnis ist eine brisante soziale Schieflage. Pflegeheimbewohner zahlen inzwischen im Schnitt rund 3.500 Euro Eigenanteil im Monat, bei durchschnittlichen Alterseinkünften von etwa 2.100 Euro. Bereits heute ist jeder dritte Pflegebedürftige auf Sozialhilfe angewiesen. Pflege wird damit schleichend zu einem Armutsrisiko – und zu einer Belastungsprobe für den Sozialstaat.
Klar ist: Gänzlich ohne politische Anreize wird es nicht gehen. Notwendig ist eine strukturelle Reform der Pflegefinanzierung, die Einnahmen und Leistungen wieder in ein tragfähiges Verhältnis bringt und die Eigenanteile wirksam begrenzt. Wer diese Debatte weiter vertagt, verschiebt die Kosten nicht – er vergrößert sie.