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Ein Gespräch über Digital Health in Krankenhäusern und Praxen

News   •   Sep 25, 2019 16:23 CEST

(V.l.n..r.) Prof. Dr. David Matusiewicz und Prof. Dr. Jochen A. Werner

Digital Health ist in aller Munde, doch gefühlt kommt derzeit wenig davon bei den Patienten an. Ärzte stellen noch Papierrezepte aus und lassen Termine von Sprechstundenhilfen telefonisch vereinbaren. Das Potenzial der Digitalisierung scheint in der Gesundheitsversorgung in Deutschland brachzuliegen. Wir sprachen darüber mit Prof. Dr. Jochen A. Werner, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender am Universitätsklinikum Essen und Vorreiter beim Thema Smart Hospital, und Prof. Dr. David Matusiewicz, Dekan und Institutsdirektor der FOM Hochschule. Beide sind Gründer des digi health talks. Auf diesem Medienformat sprechen die beiden Initiatoren regelmäßig mit geladenen Gästen über deren Erfahrungen mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen sowie über digitale Neuerungen.

apoBank: Was ist aus Ihrer Sicht zu tun, um die Digitalisierung im Gesundheitswesen spürbarer in die Versorgung zu bringen?

David Matusiewicz: Im Jahr 2019 ist noch keine Gesundheits-App in der Regelversorgung angekommen. Wir müssen den Nutzen der Apps für den Patienten erst einmal evaluieren können, um darüber dann auch den Weg in die gesetzliche Krankenversicherung zu schaffen. Aktuell bewegen wir uns mit digitalen Gesundheitsanwendungen noch auf dem zweiten Gesundheitsmarkt, der gekennzeichnet ist von Selbstzahlern und Lifestyle. Ich bin aber davon überzeugt, dass digitale Tools das Thema Digital Health gesellschaftsfähiger und damit auch für den Patienten akzeptabler machen. Das Digitale Versorgung Gesetz (DVG) setzt außerdem viel in Bewegung. So dürfen Ärzte ab 2020 Apps auf Rezept verschreiben. Gleichzeitig muss die Gesellschaft, und dazu zählen die Patienten, den Bedarf für solche digitalen Lösungen artikulieren. Am Ende bedarf es eines Dreiklangs aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, um Digital Health spürbarer in die Versorgung zu bringen.

apoBank: Das Smart Hospital ist ein Beispiel für die Umsetzung der Digitalisierung auf dem Gesundheitsmarkt. Was können sich Ärzte und Patienten konkret darunter vorstellen? Wie verändert sich dadurch die stationäre Versorgung?

Jochen A. Werner: Unter Smart Hospital verstehen wir an der Universitätsmedizin Hospital eine digital basierte Plattform, die nicht durch Krankenhausmauern begrenzt wird, sich an der Gesundheits- und Krankengeschichte der Menschen orientiert, vor der Geburt beginnend und bis zum Tode reichend. Auf dieser Plattform agieren alle Stakeholder des Gesundheitswesens, die Sektoren vermischen sich immer stärker. Die Plattform bietet die Möglichkeit zur komplexen, Künstliche Intelligenz basierten Diagnostik, wodurch die Medizin wesentlich besser und sicherer wird, doch setzt die richtige Therapie eine korrekte Diagnostik voraus, was heute leider noch nicht immer gelingt. Das Smart Hospital fokussiert mit aller Intention auf den Menschen, als Patientinnen und Patienten, als Angehörige und - nicht minder bedeutsam - als Mitarbeiter*innen. Mit dieser Ausrichtung verändert sich auch die klassische stationäre Versorgung, schließlich gibt es schon heute zahlreiche, auch schwerkranke Bettlägerige, die ins übergreifende datenbasierte Versorgungssystem integriert gehören. Gleichermaßen wird sich die Verweildauer der Patienten im Krankenhaus deutlich reduzieren.

apoBank: Stichwort Digitalisierung in der ambulanten Versorgung: Was tut sich an der Stelle? Wie verändert sich die Arzt-Patient-Beziehung?

David Matusiewicz: Viele Heilberufler ziehen in der heutigen Zeit eine Tätigkeit in größeren Gemeinschaftspraxen oder Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) einer Tätigkeit in der Einzelpraxis vor. Hieraus resultiert mehr Flexibilität für den Arzt. Gleichzeitig entstehen hier aber auch Organisationseinheiten, die digitale Lösungen benötigen, um Prozesse zu dokumentieren oder eine gute Kommunikation zum Patienten sicher zu stellen.

Veränderungen ergeben sich ebenfalls in der Beziehung zwischen Arzt und Patient. Wir sprechen dabei von einer Dreier-Beziehung zwischen Arzt, Patient und Maschine. Die Maschine, beziehungsweise eine App, wird dem Heilberufler hierbei eine Entscheidungsunterstützung liefern zum Beispiel bei der Diagnostik. Der Arzt wird dem Patienten diese Diagnose erklären. Und der Patient wiederum wird sich über eine App eine digitale Zweitmeinung einholen und diese mit dem Arzt diskutieren.

apoBank: Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist dabei, die Arbeitsbedingungen der Heilberufler zu verändern. Wo liegen die kommenden Herausforderungen für Ärzte in der stationären Versorgung? Welche Rolle kommt dem Arzt hier künftig zu?

Jochen A. Werner: Die Ärztinnen und Ärzte bleiben extrem wichtige Partner ihrer Patientinnen und Patienten. In der Diagnostik werden sie durch moderne Technologie entlastet, aber sicher nicht ersetzt. Es wird dabei nicht nur um die klassischen Diagnostikfächer wie Radiologie, Pathologie oder Labormedizin gehen, Analysen zum Genom, Proteom und Mikrobiom kommen ebenso hinzu wie zum Augenhintergrund, Gangmuster und Stimmprofil, um nur einen Ausschnitt zu nennen. Hier werden Daten ausgewertet, was eine Basiskenntnis zur Datenwissenschaft erfordert. Daneben aber wird sich die Ärzteschaft noch intensiver fortbilden im Umgang mit ihren Patientinnen und Patienten, deren Erwartungen und Gefühle besser als bisher verstanden werden müssen, um nur einige Aspekte zum künftigen Anforderungsprofil zu erwähnen.

apoBank: Die angestrebte Verzahnung der beiden Sektoren – ambulant und stationär – dürfte erheblich die Qualität der Gesundheitsversorgung erhöhen – welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?

Jochen A. Werner: Die Digitalisierung ist DER – wie man heute sagt – Enabler für eine höhere Qualität in der Gesundheitsversorgung. Die herausragende Bedeutung der Diagnostik habe ich zuvor erwähnt, Doppeltuntersuchungen werden mehr und mehr vermieden, digitale Entscheidungsunterstützungssysteme werden dazu beitragen nicht zielführende Untersuchungen zu vermeiden. Hinzu kommt die digital basierte Kommunikation zwischen den Sektoren, eine viel störungsärmere Überleitung aus Krankenhaus in die Praxis unter gemeinsamem Monitoring des Behandlungserfolges. Daneben werden viele Prozesse transparenter, einsehbarer und kontrollierbarer, wovon alle Beteiligten profitieren werden.

apoBank: … und aus Ihrer Sicht, Herr Prof. Matusiewicz?

David Matusiewicz: Die Digitalisierung wird die Sektorentrennung aufbrechen. An dieser Stelle verweise ich auf das Pilotprojekt in NRW zum virtuellen Krankenhaus. Hier wird Wissen zentralisiert, um es dann wieder dezentral zu nutzen. Künftig werden die Prozesse am Patienten ausgerichtet sein und daran wird alles andere andocken. Mal wird der Patient nachts behandelt, mal tagsüber, mal nur digital. Ein solches System erfordert es, ganz neu zu denken.

apoBank: Herr Prof. Dr. Matusiewicz, Sie hatten das virtuelle Krankenhaus in Nordrhein-Westfalen bereits genannt. Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann will dies zum Teil der Regelversorgung machen. Grundlage soll eine digitale Plattform sein. Wie bewerten Sie dieses Vorhaben, Herr Prof. Dr. Werner?

Jochen A. Werner: Dies ist eine hervorragende Initiative unseres Gesundheitsministers, die zunächst einmal darauf abzielt, ärztliches Expertenwissen Patientinnen und Patienten zukommen zu lassen, die ansonsten keinen Zugang dazu haben. Damit wird die Telemedizin in ihrer Bedeutung gestärkt, basierend auf vorhandener Expertise im Land. Ziel ist die Einführung dieses Angebotes in die Regelversorgung. All das sind initiale Ansätze. Das Virtuelle Krankenhaus hat das Potential, ein Leuchtturmprojekt des Landes Nordrhein-Westfalen zu werden, eben Schritt für Schritt. Überhöhte Erwartungen auf schnelle Erfolge dürfen die Möglichkeiten dieses Vorhabens nicht gefährden.

apoBank: Das Gesundheitswesen hinkt mit der Digitalisierung anderen Branchen hinterher. Welche nächsten Schritte sind nötig, damit die digitale Transformation auch hier bald gelingt?

David Matusiewicz: Wir benötigen einen kulturellen Wandel. Das fängt mit einer neuen Generation der Führungskräfte an, aber auch damit, dass wir im Gesundheitswesen keine Angst mehr vor Technik haben. Zudem bedarf es einer positiven Herangehensweise an die Möglichkeiten, die uns die Digitalisierung gibt. Zusätzlich sind vor allem in den Bereichen Versorgungsstrukturen, Bürokratie, Technik und Dokumentation Experimentierfelder nötig. Hier braucht es agile Organisationsformen, agile Arbeitsmethoden und Mut.

apoBank: Wir danken Ihnen für das Gespräch.

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